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Kräftig und tiefverwurzelt stehen sie da: Die Weinstöcke rund um die Abtei St. Hildegard in Eibingen am Rhein. Die Blätter der Weinstöcke leuchten in einem lebendigen Grün. Zuerst sind sie zaghaft gewachsen und dann immer größer geworden. Es hat die Nonnen einiges an Arbeit gekostet. Der Boden wurde vorbereitet, der Stock wurde geschnitten. Die Triebe, die stehenblieben, wurden gebogen und befestigt. In all seiner Schönheit ziert der Weinstock den Weinberg. Tief verwurzelt steht er da. Schaue ich eine Wurzel an, denke ich: Stark wie ein Weinstock. Ja, die Wurzel will mir sagen, dass ich stark und kräftig bin. Wie sie den Weinstock in der Erde festhält, bin ich zu tiefst verwurzelt. Verwurzelt in wem? In Familie, Klostergemeinschaft, Freundeskreis! Und ich bin in der Lebenswurzel schlechthin verwurzelt: In Gott. In Gott gründe ich. Er ist meine Wurzel. Er trägt mich und lässt mich in die Tiefe gehen, um zu wachsen. Dem Neuen Testament zufolge fand das Letzte Abendmahl Jesu am Vorabend des jüdischen Passah-Festes statt, mit dem die Juden den Auszug aus Ägypten durch Opfer und Verzehr eines Lammes feiern. Doch Jesus gab dem Mahl einen neuen Sinn, indem er es mit seinem eigenen Tod als Lamm Gottes verband, wobei Brot und Wein Leib und Blut symbolisieren. Er kündigte Passion, Kreuzestod und Auferstehung an, während er das Brot brach mit den Worten: „Nehmt und esst, dies ist mein Leib.“ Dann nahm er den Kelch und sagte: „Trinkt alle daraus; denn dies ist mein Blut, das Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, an dem ich mit euch den Wein trinke im Reich meines Vaters.“ (Mt. 26, 26-29)

(Br. Benedikt Müller OSB)

Diese Situation hatte ich zweimal in meinem Leben: Vor und nach einer Operation nichts trinken dürfen. Nur mit einem Wattebausch, der um einen Holzstab gewunden war, meinen ausgetrockneten Mund zu benetzen, zu reinigen und mir so etwa Linderung widerfahren zu lassen – vor allem, weil es jedes Mal sehr heiß war. Heute erinnert mich dieses Erlebnis an eine Stelle in der Passionsgeschichte: Den Schwamm mit Essig. Zweimal wird Jesus etwas zu trinken angeboten bei seiner Kreuzigung. Ein Schwamm wird mit Essig gefüllt. Jemand steckt ihn auf eine Stange. Er hält dann dem sterbenden Jesus am Kreuz den Schwamm an den Mund, damit er „trinken“ kann. Essig?! Ja, geht es noch? Warum quält man Jesus noch mehr? Das ätzt doch! Schon der Geruch! Das kann man doch nicht trinken! Nun: Was hier mit Essig übersetzt wird, ist nicht vergleichbar mit dem Essig, den wir für Salatsoßen oder als Reinigungsmittel verwenden. In der Passionsgeschichte ist mit „Essig“ eine Art dünner und saurer Wein gemeint. Ein damals in der Region sehr verbreitetes Getränk, mit dem man starken Durst gut löschen kann. Bleibt die Frage: Was will mir dieses Symbol sagen? Im Durst zeigt sich der Drang nach Leben. Im Verdursten vergeht das Leben. Essig im Schwamm am Ysoprohr ist der letzte menschliche Menschendienst, der Jesus im Sterben noch erwiesen wurde. Für mich verbindet sich in dieser Szene unser Durst nach Leben. Jesus Durst wird mit Essig gestillt. Er stirbt am Kreuz mit den Worten: „Es ist vollbracht!“ was wurde vollbracht? Es ist vollbracht worden: Für uns! Damit wir eben unseren Lebensdurst stillen können, hat ER uns am

Kreuz erlöst und schenkt uns Wasser des Lebens in Fülle. (Br. Benedikt Müller OSB)